gottes hand über uns

samstag, 30.12.2000, 12.00. zusammen mit zwei freundinnen steige ich aus dem bus, der uns direkt in die norwegische wildnis, auch fjell genannt, befördert hat. es ist wunderschön. strahlender sonnenschein, glitzernder schnee, die weite des landes. aber etwas mulmig ist uns dennoch: ganz schön kalt, ganz schön viel schnee!

aber noch sind wir frohen mutes und beginnen unsere wanderung. die faszinierende natur beeindruckt und spornt uns an. unser weg ist sogar wider erwartens etwas plattgewalzt. vor uns waren schon andere da: auf skiern, mit schneemobilen. auch das ein gutes gefühl. doch bald hören die spuren auf, es wird immer anstrengender, vollbepackt stapfen wir durch den 30 cm hohen schnee- immer bergauf. immer langsamer kommen wir voran, immer kürzer werden die abstände zwischen den pausen. die zweifel mehren sich: werden wir das tatsächlich schaffen? auch die kälte beängstigt uns nun ein wenig. ein heisser tee würde gut tun, aber unsere teekannen bekommen wir nicht auf - eingefroren! auch unsere schals und haare sind ganz weiss, weil unser atem auf der stelle gefriert. aber trotz allem, wir geniesen den sonnenschein und die herrliche landschaft und freuen uns auf unsere hütte, in der wir sylvester feiern wollen. nach 3 stunden kommen wir dann endlich erschöpft dort an. ein zuhause, einen geschützten ort mitten in der eisigen kälte, dieser schneewüste - das erhoffen wir uns. doch kaum sind wir eingetreten, bekommen wir einen regelrechten schock: kälteschock! das ist ja schlimmer als ein gefrierschrank! in panik kümmere ich mich sofort um den ofen, aber es will und will nicht warm werden. dieses kleine holzöfchen ist einfach überfordert. kein wunder, denn wie wir später erfahren sollen, befinden wir uns in –30 grad!!! wir bibbern am ganzen körper und bekommen schreckliche angst. unsere füsse sind eiszapfen und mein gutgemeinter ratschlag, die schuhe auszuziehen und warme socken anzuziehen, macht alles fast nur noch schlimmer, denn diese "warmen" socken, kommen direkt aus unseren "gefrierschrank-rucksäcken". das wasser, das ich mittransportiert habe, ist zu eis gefroren, auch in der milch schwimmen eisklümpchen und selbst das brot ist tiefgefroren! in dieser kälte können wir doch unmöglich bleiben?! es würde stunden dauern ehe es einigermassen warm werden würde. bis dahin konnten wir schon längst erfroren sein. aber ob wir den weg zurück schaffen? sollen wir die polizei verständigen? zumindest hatten wir ein handy dabei und das hatte sogar empfang. das war schon mal eine grosse beruhigung. sollen wir uns "retten" lassen? wie ernst ist unsere situation eigentlich? dann plötzlich, inmitten des abwägens der alternativen, von einen moment auf den anderen, ist uns klar, was zu tun ist: wir müssen wieder in bewegung kommen, können nicht länger tatenlos rumsitzen, vor kälte zittern und auf ein wunder hoffen. uns muss wieder warm werden, wir müssen loslaufen - zurück, bloss zurück in die zivilastion. in panik brechen wir auf, lassen noch einige lebensmittel zurück, dann laufen wir los, von nur einem einzigen gedanken getrieben: "ein warmes haus, freundliche leute, die uns helfen. wir werden es schaffen, es wird bald wirklichkeit sein."

doch schon nach einigen schritten, holen uns die zweifel wieder ein."lass uns doch die polizei anrufen, ich kann nicht mehr, ich schaffe das vielleicht nicht. lass uns jemanden bescheid sagen, wo wir sind." ich greife zum handy und versuche die polizei anzurufen. als zur norwegischen kein kontakt hergestellt werden kann, versuche ich es sogar bei der deutschen. auch das klappt nicht. fieberhaft überlegen wir, wen wir anrufen könnten- jemanden, der eine idee hat, was wir tun sollen, der uns aufmuntert, rat gibt – jemand, der sich aber nicht sofort schreckliche sorgen macht. uns fällt niemand ein. so bleibt uns nichts anderes übrig, als weiterzulaufen – immer weiter. inzwischen ist es 16.00 und stockfinster. wir zünden eine der fackeln an. dieser lichtschein, das flackern der hellen flamme gibt uns neue hoffnung. es gibt noch licht in all dem dunkel, mut in der verzweiflung. so stapfen wir weiter durch die dunkelheit, durch den schnee, durch die kälte. über uns ein sternenklarer himmel. aber wir sind ganz und gar nicht in der stimmung, um diese abertausend kleinen himmelsglitzer zu bewundern. schweigend gehen wir im gänsemarsch hintereinander her. mich plagt ein furchtbares schuldgefühl. ich habe dies elend doch irgendwie angezettelt. wie konnte ich nur so leichtsinnig sein?

ab und zu wird die stille durchbrochen. jemand erinnert: "geht langsamer, nicht so schnell" oder bittet "pause". in den pausen stopfe ich uns schokolade in den mund. wir haben seit einigen stunden nichts mehr gegessen und kaum etwas getrunken. hoffentlich bricht niemand zusammen.

während des eintönigen stapfens durch die stille des norwegischen fjells, kommen mir plötzlich lieder in den sinn und ich fange an zu singen. leise erst, dann immer lauter, dann stimmen auch die anderen mit ein:

"wo zwei oder drei in meinem namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen."

noch nie zuvor, hat mir dieses lied, dieser vers aus dem matthäusevangelium ( mt 18, 20) soviel trost gegeben, wie in dieser situation. und auch eines der taizčlieder nimmt uns die angst:

"meine hoffnung und meine freude, meine stärke, mein licht, christus meine zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht"

ich fühle einmal mehr, wieviel lieder helfen können. vor allem ist es wohl die botschaft, die sie transportieren, welche stärkt: der glaube an einen allmächtigen gott, einen helfer in der not, einen tröster, freund und retter; der glaube an das licht, das die dunkelheit erhellt, an die kraft, die weiterhilft, wenn meine eigene am ende ist.

nach ca. eineinhalb stunden sehen wir dann bereits die ersten lichter vor uns und eine welle der erleichterung durchfährt uns. bald ist es geschafft. bald sind wir in sicherheit. im warmen mühsam schleppen wir uns die letzten meter durch den schnee und klingeln verzweifelt am ersten haus am wegesrand. wir blicken in die verdutzten gesichter eines älteren ehepaares und stolpern kurz darauf in deren stube. sie sind zunächst auch etwas ratlos, organisieren uns dann aber eine bleibe für die nacht. kurze zeit später werden herzlich auf einem bauernhof im 5km entfernten dorf aufgenommen: ein gemütliches wohnzimmer, ein prasselndes feuer im ofen und kurz darauf eine heisse suppe und spagetti. alles ist noch einmal gut gegangen.

nun im nachhinein kommt mir jedesmal, wenn ich an diesen "horrortrip" mit happy end denke, mein konfirmationsspruch in den sinn:

"von allen seiten umgibst du mich, herr und hälst deine hand über mir. (psalm 139, 5). gut, dass wir immer wieder, bei allen fahrten und lagern, allen wanderungen und unternehmungen auf dieses wort vertrauen können!

kaddi